Lesetipps

Elfriede Suhr: Die Höhle – Schicksal einer Deserteursfamilie
Elfriede fürchtet sich. Kein Wunder, denn wenn man acht Jahre alt ist, kann man schon mal Angst bekommen, wenn die ganze Familie vom Tod bedroht ist, nur weil der Onkel in einer Höhle wohnt. Nicht, weil er einen Spleen hat, sondern weil er vor dem Krieg davongelaufen ist, weil er einfach nicht mehr mitmachen wollte beim Töten. 1942 war das in den Augen der meisten Menschen kein Heldenstück, sondern Landesverrat und wurde mit dem Tode bestraft. Und natürlich brachten sich auch alle in Gefahr, die einem Deserteur halfen. Deshalb leben Elfriede und ihre Familie in ständiger Angst, dass jemand bemerken würde, dass sie den Onkel versorgen. Alle müssen ganz fest zusammenhalten, viel Fantasie haben und eisern schweigen, sonst geht die Geschichte nicht gut aus. Elfriede Suhr erzählt in dem vorliegenden Band ihre eigene Kindheitsgeschichte. Sachlich, schnörkellos, direkt zu Herzen gehend – ein lebendiges und lesenswertes Stück Zeitgeschichte über den Mut, in einer schwierigen Zeit Menschlichkeit zu zeigen .
Silberburg-Verlag, Tübingen 2013, 155 S., ISBN 978-3-8425-1238-2, 14,90 €.

Die Mittelalterbox
Museumspädagogik wird heutzutage groß geschrieben, und wenn die Kleinen die Welt der Vergangenheit entdecken, ist sonnenklar, dass das auch Spaß machen soll. Das Junge Museum Speyer hat zu diesem Zweck die „Mittelalterbox“ entwickelt. Hier gibt es feste, ansprechend bebilderte und einzeln handhabbare Seiten, die über die Themen Mittelalter, Kaiser, Dom, Papst und Kirche, Kreuzzüge, Klöster, Wissenschaft, Reisen, Bauern, Ritter, Bürger, Juden, Häuser und Straßen informieren. Zum Thema Speyrer Dom enthält die Box Bastelbögen, ebenso zum Kinderlieblingsthema Ritterburg. Zu Speyer selbst gibt es einen Stadtplan, auf dem man eine Menge Interessantes entdecken kann, und ein Tric-Trac-Spiel-Bogen rundet gemeinsam mit einem Quiz und einem Begriffslexikon den spannend präsentierten und informativen Inhalt dieser empfehlenswerten Box ab.
Historisches Museum der Pfalz Speyer, Junges Museum, Speyer 2010, ISBN 978-3-930239-21-4.

Dorothea Flechsig: Ritter Kahlbutz. Besuch aus der Vergangenheit
Du hast Eltern, die immer wieder mal in der Zeitung stehen, weil sie Bürgermeister, Schriftsteller, Sportler, Schauspieler oder Musiker sind? Dann hast Du garantiert auch ein paar fiese und neidische Klassenkameraden, die Dich nach jedem neuen Artikel nerven, peinigen und piesacken. Wenn Du darüber hinaus noch das Pech hast, nicht den Normmaßen zu entsprechen, dann hast Du ein Problem. Genau wie Nils. Der ist nämlich so fett, dass er im Schwimmbad immer über Wasser bleibt, auch wenn er sich überhaupt nicht vom Fleck rührt, und der Sohn des Bürgermeisters ist er auch noch. Kein Wunder also, dass Sven und Toni es sich zum Hobby gemacht haben, Nils zu ärgern, wo sie nur können. Sie gehen sogar in die Dorfkirche, um die berühmte Mumie des Ritters Kahlbutz aus seiner Grabkammer zu holen, um ihren Lieblingsfeind zu erschrecken. Doch leider – oder sagen wir lieber Gott sei Dank – geht die Sachte total nach hinten los. Ritter Kahlbutz, so unsanft aus seinem Schlaf gerissen, wird nämlich auf einmal höchst lebendig und die beiden fiesen Jungs machen sich, die Hosen gestrichen voll, aus dem Staub, während der Ritter auf Erkundungstour durchs Dorf geht und prompt auf Nils trifft, zu dessen ganz persönlichem Ausbilder in Sachen Mut er nun wird. Wenn Ihr eine wirklich lustige und cool erzählte Geschichte sucht und außerdem ein bisschen mehr Mut gut gebrauchen könnt, solltet Ihr dieses Buch von Dorothea Flechsig unbedingt lesen. Es ist abenteuerlich, spannend und zeigt, dass Freundschaft sogar mit Typen wie Sven und Toni möglich ist, wenn die erst einmal kapiert haben, dass es darauf ankommt, was einer im Kopf hat und nicht auf den Hüften.
Glückschuh Verlag, Pößneck 2015, 175 S., ISBN 978-3-9943030-40-2, 12,95 €.

E.T.A. Hoffmann: Nussknacker und Mausekönig
Was wäre, wenn ein Nussknacker plötzlich lebendig und zum Anführer einer ganzen Armee wird? Die Geschichte, die E.T.A. Hoffmann in seinem Märchen erzählt, ist zeitlos, ebenso wie die wunderschönen, fantasievollen, mal ganze Seiten bedeckenden und mal einzelne Szenen in die Geschichten einstreuenden Illustrationen von Robert Ingpen. Ein wundervolles Buch mit zwei Märchen, das zum Schatz im Bücherregal werden kann und das Potential hat, einen Zeit und Raum vergessen zu lassen. Definitiv eine Alternative zur elektronischen Großmutter!
Knesebeck, München 2016, 143 S., ISBN 978-3-86873-921-3, 24,95 €.

Caroline Lawrence: Die Diebe von Ostia / Das Rätsel des Vulkans
Flavia Gemina ist die Tochter eines Kapitäns und lebt mit ihrem Vater in Ostia, dem Hafen von Rom. Als sie eines Tages miterlebt, wie das Sklavenmädchen Nubia von ihrem Aufseher hart und unbarmherzig behandelt wird, setzt sie alles daran, das Mädchen freizukaufen. Nubia wird ihre Freundin und lebt fortan zusammen mit ihrer Befreierin im Haus des Kapitäns. Flavia ist neugierig und unternehmungslustig. Als ihrem Vater ein kostbarer Siegelring gestohlen wird, will sie den Fall aufklären und den Dieb finden. Dabei gerät sie in allerlei Gefahren und findet gemeinsam mit Nubia zwei Freunde und Mitstreiter: Jonathan, den Sohn des Arztes Mordechai, der zur jüdisch/christlichen Gemeinde gehört, und Lupus, den gewandten Stadtstreicherjungen. Diese vier bilden nun ein wagemutiges und fantasievolles Quartett. Schon bald sind sie dem Dieb auf der Spur, doch plötzlich sind nicht nur ihre Wertsachen bedroht. Der Hund von Jonathan wird auf grausame Weise getötet und auch die vier Freunde geraten in Gefahr. Der zweite historische Roman für Kinder – „Das Rätsel des Vulkans“ – spielt am Fuße des Vesuvs. Flavia, Nubia, Jonathan und Lupus verbringen dort die Sommerferien bei Flavias Onkel Gaius, weil Flavias Vater der Überzeugung ist, dass die Kinder dort sicherer sind als in Ostia. Diese Entscheidung soll sich jedoch als folgenschwerer Irrtum erweisen. Zwar lernen die vier den hochgebildeten Historiker und General Plinius kennen, lösen ein Rätsel und führen einen jungen Mann wieder mit seinen Eltern zusammen, doch dann geschehen plötzlich rätselhafte Dinge. Die Tiere fliehen vom Hof des Gaius, Vögel fallen vom Himmel und die Erde beginnt immer wieder zu beben. Und Gaius Hof liegt nur fünf Meilen vom Vesuv entfernt, der jeden Moment ausbrechen kann… Die beiden historischen Romane vom Caroline Lawrence sind für Kinder eine total spannende und begeisternde Lektüre zum Vor- und Selberlesen. Sie sind sehr gut recherchiert und so gut erzählt, dass man gar nicht aufhören kann, zu lesen. Jedes Buch enthält ein Glossar, in dem wichtige lateinische Begriffe erklärt werden, und ein kurzes historisches Nachwort. Die Autorin hat mit den vier Freunden eine Serie konzipiert, von der man nur hoffen kann, dass sie noch viele Bände schreiben wird. Suchtverdächtig!
Omnibus 2003, Die Diebe von Ostia, ISBN 3-570-21249-1, Das Rätsel des Vulkans, ISBN 3-570-21250-5, jew. 190 S. und 6,90 € .

Philipp und Caroline von Ketteler: Hildegard von Bingen. Wie eine kleine Feder. Ihr Leben für Kinder erzählt
Das Leben der Hildegard von Bingen ist spannend und hat viele Aspekte. Deshalb erzählt Caroline von Ketteler, die die Texte für dieses Kinderbuch geschrieben hat, Hildegards Geschichte aus der Perspektive der Menschen, die mit ihr gelebt haben. Das ist sehr gut, denn auf diese Weise kommen verschiedene Standpunkte zu Wort, auch solche, die Hildegard damals kritisch gegenübergestanden haben. Die Illustrationen des Buches gestaltete von Kettelers Mann Philipp in einem intelligent konzipierten farbig/schwarz-weißen Stil, so dass sie die Mehrschichtigkeit der Ereignisse unterstreichen. Das Buch ist verständlich und zugleich sehr niveauvoll geschrieben. Die Kinder erhalten eine ausgezeichnete Einführung in das Leben Hildegards, die Werke, die sie geschrieben hat und die Konflikte, die im 12. Jahrhundert eine Rolle spielten.
Aschendorff Verlag, Münster 2012, 48 S., ISBN 978-3-402-12946-3, 12,80 €.

Lea Stühlmeyer: Johanna, Bene und die Rätsel des Bamberger Doms
Johanna ist echt sauer. Nur, weil sie ein kleines bisschen zu spät zum Klassenausflug gekommen ist, muss sie nun mit dem doofen Bene zusammen durchs Museum gehen. Als ob der sie nicht schon genug geärgert hätte, als er ihr letztes Jahr auf dem Jahrmarkt ein rohes Ei in die Tasche gelegt hat. Aber dann passiert etwas ganz Unglaubliches. Johanna fasst, obwohl man das ja eigentlich nicht darf, nur mal ganz kurz den berühmten Sternenmantel von Kaiser Heinrich an und plötzlich sind sie und Bene mitten im Mittelalter. Wie sie da wieder rauskommen und wie es kommt, dass sie außer Kaiser Heinrich auch Hildegard von Bingen treffen, nur knapp eine Hexenverbrennung verpassen und den Bamberger Erzbischof beim Joggen und Singen erleben, kann man in diesem spannenden Buch lesen. „Johanna, Bene und die Rätsel des Bamberger Doms“ ist das zweite Kinderbuch von Lea Stühlmeyer. Die junge Autorin, die regelmäßig Kinderbücher für Aventurinas Hör- und Lesetipps rezensiert, weiß ganz genau, was Kinder gerne lesen. Deshalb hat sie passend zum 100-jährigen Jubiläum des Bamberger Domes diese tolle Zeitreisegeschichte geschrieben.
DeBehr, Radeberg 2012, 108 S., ISBN 978-3-94175890-2, 9,95 €.

Vorsicht Ausgrabung
Als Felix auf dem Weg zur Schule an einer Baustelle vorbeikommt, ist sein Interesse geweckt. Tag für Tag beobachtet er, wie die Männer und Frauen vorsichtig die Erdschichten abtragen und scheinbar Wichtiges dabei entdecken. Als Felix schließlich viel zu spät zum Unterricht erscheint und sein Lehrer erfährt, was für eine spannende Beobachtung sein Schüler gemacht hat, bekommt er prompt einen Sonderauftrag. Felix soll so viel wie nur möglich über die Arbeit der Archäologen in Erfahrung bringen. Er geht also wieder zum Bauzaun und tatsächlich – die Ausgrabungsleiterin ist bereit, ihm zu helfen. Gemeinsam mit Thomas, einem Archäologiestudenten, beginnt Felix, in seinem heimischen Garten von Grund auf zu lernen, wie Archäologie funktioniert. Dabei buddeln die beiden nicht nur alte Münzen aus, sondern finden sogar das Grab des Hundes von Felix’ Opa und lernen viel über Architektur und Grundmauern. Ein toll bebildertes, spannend erzähltes Buch, das Lust zum selber Graben macht. Eltern sollten es gut vor ihren Kindern verstecken, falls sie Wert auf einen unversehrten englischen Rasen legen, denn das Buddeln ist eine unvermeidliche Folge der Lektüre.
Verband der Landesarchäologen in der Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart 2009, 47 S., ISBN 978-3-9808-9264-3, 8,00 €.

Jean-Claude Hauser: Im Zeichen des Orion
Birta hat es nicht leicht. Nachdem sie gemeinsam mit ihrer Mutter wegen Geisterbeschwörung angeklagt und nur durch das zufällige Auftauchen eines seltsamen Fremden und Freundes des aufgeklärten Stauferkaisers Friedrich II. vor einem grausamen Urteil bewahrt worden ist, hat sie keine Heimat mehr. Sie reist den Hellweg entlang, um ihren Vater zu suchen, der von seinem Pflichtdienst beim Vogt nicht zurückgekehrt ist. Zum Glück ist Birta nicht allein, denn Laurentio begleitet sie und gemeinsam mit ihm erlebt sie einige Abenteuer. Als Novize verkleidet lebt sie eine Weile im Kloster, bis ein zudringlicher Mönch bei seinen Annäherungsversuchen schließlich entdeckt, dass Birta ein entscheidendes Detail fehlt. Schließlich gerät sie auch in die Mühlen der Politik. Eine spannende Abenteuergeschichte, einfühlsam und gut lesbar geschrieben, der man viele Leser wünscht.
Bernadus Verlag, Mainz 2008, 245 S., ISBN978-3-8107-9287-7, 21,66 €.

Waldtraut Lewin. Wenn die Nacht am tiefsten. Caesar und Kleopatra – eine historische Liebe
Waldtraud Lewins Buch ist an Jugendliche gerichtet, denen sie mit einer Mischung aus narrativer Geschichtsstunde und historischem Roman die Zeit Caesars und Kleopatras näherbringen will. Die Geschichte ist in weiten Teilen aus der Sicht Kleopatras erzählt. Die Sprache der erzählenden Teile ist direkt und vermittelt auf sehr gut verständlicher Ebene die handlungsleitenden Motivationen der Protagonisten und ihrer Gegenspieler. Die romanhaften Teile sind eher flach. Die Konzeption ist grundsätzlich interessant, aber es ist zu bedenken, dass ein guter Roman keine belehrenden Unterbrechungen verträgt. Eine Mischung aus erzählter Geschichte mit Kurzgeschichten aus verschiedenen Perspektiven wäre hier vielleicht hilfreicher gewesen.
Loewe Verlag, Bindlach 2005

Owen Davey: Wilde Katzen
Du magst Katzen und bist zwischen 4 und 104 Jahre alt? Dann ist dieses tolle Bilderbuch genau das Richtige für Dich. Wundervolle, farbenprächtige Illustrationen und kurze, gut verständliche Erklärungen führen Dich in die weit verzweigte Welt der Katzenfamilien ein und zeigen, was Katzen so alles drauf haben – z. B. den Ruf eines Affenbabys nachahmen, im Dunkeln sehen und die Knöchel um 180 Grad drehen. Ein Buch zum Stöbern, Nachschlagen und Verschenken!
Knesebeck, München 2017, 37 S., ISBN 978-3-95728-155-5, 15,00 €.

Owen Davey: Hai Ahoi. Alles vom Ammenhai bis Zebraha i
Wusstest Du, dass Weiße Haie nebeneinander her schwimmen, um festzustellen, wer der größere ist, die Nase vorn und im Schwarm das Sagen hat? Wenn nicht, solltest Du unbedingt das toll illustrierte Buch von Owen Davey zur Hand nehmen. Denn hier findest Du noch viel mehr Wissenswertes über diese bemerkenswerten Tiere. Zum Beispiel, dass sie immer eine Kolonne von Fischen hinter sich herziehen, die die Reste ihrer Mahlzeiten verputzen, in Schwärmen von Tausenden von Tieren unterwegs sind, mit ihren Brustflossen einen flugzeugähnlichen Auftrieb erzeugen und ihr Skelett viel leichter als Knochen ist, weshalb sie besonders schnell vorankommen. Das spannende Wissensbilderbuch lädt zum Stöbern ein, und eins ist sicher: Nach der Lektüre weißt Du eine ganze Menge mehr über diese bemerkenswerten Tiere.
Knesebeck, München 2016, 37 S., ISBN 978-3-95728-024-4, 8,95 €.